Donnerstag, 16. Juni 2011

Die Einzeller


Die Einzeller

Zwei Einzeller unterhalten sich über die Welt.
Sie freuen sich über die Gehorsamkeit der Menschen gegenüber dem stolzen Stamm der Einzeller.
Dank den Menschen, werden sie endlich mal wieder die einzigen Besitzer und Herrscher der Erde.
In der letztens stattgefundenen grossen Konferenz der Einzeller für die Herrschaft der Welt: G.K.E.H.W., ist die Prognose extrem positiv.
Die Kurve der ersten Statistik hat sehr gut gezeigt, dass die Menschen alles dafür tun um den besten, natürlichen und gesellschaftlichen Lebensraum für die seltensten und besten Individuen der Einzeller zu schaffen. Am besten, so wenig wie möglich Sauerstoff.
Als die Kurve des Intergrationspotentials der Menschen an die Lebensmorale der Einzeller gezeigt wurde, jubelte die, bei der G.K.E.H.W., anwesende Menge von Einzellern vor Freude. Endlich ist ein Lebewesen in der Lage den Individualismussinn ihrer Kultur seinen wahren Wert beizumessen. 
Durch das Lesen des heiligen Buches "Self-Made like an unicellular" haben endlich die Menschen die Wahrheit der Einzeller als universell und richtig erkannt.
« Ein guter Einzeller sein! Das ist ja ein erfolgsversprechendes Lebensziel! », freuen sich die beide Einzeller für die Menschen.

Elvis (literarische Neuerscheinungen, Genf 2011)

Weltbild HVZ***


Weltbild HVZ***

Sie ist ausgezogen.
Sie wohnt jetzt in einem anderen Land.
Ihre Vergangenheit hat sie keine Lust mehr zu erzählen.
Das ist vielleicht gewöhnlich.
Manche würden es verstehen, bei manchen anderen muss man aufgeben.
Es würde sich nicht lohnen.

Die Träume der Vergangenheit werden die Trümmer der Gegenwart:

Ihr Mann war ein politischer Gefangener.
Es gibt aber keine politische Gefangene in unseren demokratischen Ländern, sagt man.

Er war also Gefangener, Krimineller?
« Aber welche Macht welches Landes würde sich selber anders als gut und gerecht bezeichnen? », hat sie oft gedacht.

Man fragt sie, was sie über die Liebe denkt.
Eine störende Frage, wenn man die Begriffe Treue und Betrug nicht mehr benutzen kann.

Eine Weltbildsfrage.


Elvis (literarische Neuerscheinungen, Genf 2011)

Mittwoch, 8. Juni 2011

Die kriminalistische Schlussfrage zum Roman «Die Leinwand»

Benjamin Steins Roman Die Leinwand thematisiert die Vergangenheit, die sich nicht bewältigen lässt, und treibt auch durch die beiden Erzählstränge ein Verwirrspiel mit der Unverlässlichkeit der Erinnerung. Ein «Januskopf von einem Buch», wie die »Süddeutsche Zeitung«, schrieb: «Egal, wie herum man es wendet, es kehrt einem immer das Gesicht zu.» Eine Frage des (auch!) kriminalistischen Romans bleibt am Schluss: Was passierte mit Amnon Zichroni? Warum hört dessen Geschichte nach dem Bad Wechslers in der Mikwe auf? Wurde er gar ermordet? Tröstlich zu wissen, dass mit diesem Rätsel offenbar auch die Profis ihre liebe Mühe zu scheinen haben: So mutmasst etwa der Literaturrezensent der »Süddeutschen Zeitung«, Wechsler und Zichroni seien ein und dieselbe Person (obwohl ersterer immerhin 15 Jahre älter ist) und stützt seine Kritik voll auf diese wohl falsche Vermutung:
«…legen sie die Vermutung nahe, dass die zwei Protagonisten, die sich hier offensichtlich gegenseitig zu ertränken versucht haben, in Wirklichkeit ein einziger waren. Das ist zum Schluss vielleicht um ein Klein Weniges zu schlau ausgedacht. Dass es sich bei aller Erinnerung um ein Konstrukt handelt und alle Identität darum auf schwankendem Boden steht, wird hier auf etwas überallegorische Weise zu Gemüte geführt. Die zwei Halbbücher am Ende greifen nicht ganz so zwingend ineinander, wie dem Autor vorschwebte. Der Schade des Lesers muss dies nicht sein.» (http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Die_Leinwand+Benjamin_Stein/ 5563735.do;jsessionid=77A28C9684C97E4256D12F74A4C893E1.hesse:9009?extraInformationShortModus=false&currentExtraInformationTab= )

Was dem Autor genau vorschwebte, lässt sich eben nicht so schlüssig herausfinden. Im Seminar Literarische Neuerscheinungen der Uni Genf jedenfalls sind immerhin ein gutes Dutzend Teilnehmende in drei Doppellektionen auch und vor allem auf diese Frage eingegangen. Hat Zichroni Wechsler unter Wasser gedrückt und ihn dabei getötet? Nein, denn Zichronis Notizen hören ja vor denjenigen Wechslers auf, bzw. Wechsler lässt uns an seiner Geschichte nach dem Zusammentreff mit Zichroni weiterhin teilnehmen. Hat Wechsler etwa Zichroni umgebracht? Im Verhör mit dem israelischen Polizeiinspektor könnte dieser Anschein jedenfalls erweckt werden. Dazu hat sich der Autor selbst geäussert (in einer Bemerkung übrigens an eine weitere, zumindest sachlich nicht sehr fundierte Rezension, zu lesen auf www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1217725/ ) :
«Dass es sich schließlich bei dem Showdown in Moza nicht um einen Mord gehandelt haben kann, weil sowohl Zichroni als auch Wechsler ihre Versionen der Geschichte nach diesem Ereignis erzählen, ist der Aufmerksamkeit der Rezensentin auch entgangen.» (http://turmsegler.net/20100707/die-finten-der-identitaet/)

Wenn nun aber Zichroni seinen eigenen «Mord» geplant hätte, bzw. diesen Wechsler unterjubeln wollte? Was wäre sein Motiv? Rache an Wechsler, der ihn immerhin um Job und Ruf gebracht hat, der mit seiner journalistischen Enthüllungsstory Minsky zwar «eine lückenlos belegbare Identität geschenkt», ihm dafür aber «seine Erinnerungen geraubt» hat (W.189)? Wäre wohl eine glaubwürdigere Spur. Dies ergäbe zudem eine plausible Antwort auf die Frage nach dem Absender des ominösen Koffers: Zichroni hätte dann seine eigenen Habseligkeiten (seine Handschuhe, die von ihm verfasste Fallstudie, den Demantoiden) in den an Wechsler adressierten Koffer gelegt...  
Bei allem Interesse für die kriminalistischen Fragen überwiegt aber schliesslich die Faszination für den mystischen Inhalt dieses (Doppel-)Romans: Was ist die symbolische Bedeutung der Handschuhe und des Koffers, was hat es mit den rituellen Waschungen der Mikwaot auf sich, und warum der Titel «Die Leinwand»? Das ergäbe dann aber mindestens einen neuen Blog-Eintrag…
Dominik Erni