Maurice mit Huhn von Matthias Zschokke gehört zu diesen Büchern, die sehr „deutsch“ (und manchmal „schweizerdeutsch“) klingen. Deswegen ist es außergewöhnlich, dass dieser Schriftsteller für diese Werke den französischen Literaturpreis „Prix Femina étranger“ 2009 gewann. Ich setze mir heute das Ziel, dieses „Fremde“ mit einigen Beispielen zu illustrieren und die Arbeit der schweizerischen Übersetzerin Patricia Zurcher zu analysieren.
Ihre Lösung, die Duden-Einträge durch die des Roberts zu ersetzen, ist sicher die natürlichste und funktioniert oft gut. Jedoch hat sie die Übersetzerin viel Mühe gekostet, z.B. mit dem Wort „am“ (S. 51): Sie hat sich für den französischen Fluss „Aa“ entschieden (warum nicht?!). Andere Einträge stellen ein Problem dar, u.a. „Nissenhütte“ (S. 29), die in Französisch überhaupt nicht existiert. Aber wäre ein anderer Ausdruck mit dem nachfolgenden Wortspiel „Nisse“ (S. 32) möglich?
Ich habe auch „kulturelle“ Noten gelistet: „S-Bahnen“ (S. 8, trains de banlieue), „Speckgürtel“ (S. 10, ceinture de gras), „Berliner Philharmoniker“ (S. 39, Berliner Philarmonika), „Wassertreten“ (S. 83, Wassertreten), „Gnagis“ (S. 204, gnagis), usw. Für die letzten würde eine bessere Lösung darin bestehen, eine Übersetzung (orchestre philharmonique de Berlin) oder eine Verdeutlichung (jarret de porc) zu verwenden. So würde der Text auf den Leser weniger „fremd“ wirken. Ein anderer kultureller Aspekt sind die Bibelzitate (S. 11, 19, 24, usw.), die manchmal wörtlich übersetzt statt aus dem Französischen abgeschrieben wurden. Auch „deutsch“ (mindestens nicht „französisch“) klingt die Durchsage am Flughafen (S. 64: réservation pour Milan [...] quai d’embarquement). Außerdem bleibt das Lied „Stille Nacht“ (S. 94) auf Deutsch, obwohl es eine berühmte Übersetzung gibt.
Ich will jedoch nicht die Arbeit von Frau Zurcher nur negativ kritisieren. Das ganze Buch hat sie gut übersetzt und hat auch wunderbare Ideen gehabt, die, meiner Meinung nach, manchmal kreativer als die von Zschokke sind. Ich denke, dass sie z.B. die Falle „Einen Schönen“ (S. 49, une toute bonne soirée) gut gelöst hat: Da der „romand“ kein Dialekt ist, sondern einfach aus typisches Ausdrücken besteht, wählt sie eine authentische schweizerische Formulierung, durch die der schweizerdeutsche „Schöna“ gut ersetzt wird. Sie hat auch versucht, Wortspiele wiederherzustellen: „Entschuldibumm“ (S. 80) wird toutes mes exquises, was ich wunderbar und auch wirklichkeitsnah finde; Herren „Gernot Pflaume“ und „Mus“ (S. 205, 208) werden Victor Lapoire und Messieurs Guyot. Das Bild ist zwar anders, vielleicht komplizierter zu verstehen, aber ich halte sie für treffende Formulierungen.
Diese kurze Analyse ende ich hier. Sie zeigt noch einmal, wie der Beruf des Übersetzers kompliziert, manchmal undankbar, aber auch voll Herausforderungen und Kreativität ist. Er besteht aus einer Mischung von Genauigkeit und Freiheit, von Ausgangs- und Zielsprache, von Wahlen, die uns zuerst genial schienen, die aber nie gut genug sind. Genauso wie die Arbeit eines Schriftstellers.
Virginie Morard
