Dienstag, 29. März 2011

Maurice à la poule – Das Fremde übersetzen



Maurice mit Huhn von Matthias Zschokke gehört zu diesen Büchern, die sehr „deutsch“ (und manchmal „schweizerdeutsch“) klingen. Deswegen ist es außergewöhnlich, dass dieser Schriftsteller für diese Werke den französischen Literaturpreis „Prix Femina étranger“ 2009 gewann. Ich setze mir heute das Ziel, dieses „Fremde“ mit einigen Beispielen zu illustrieren und die Arbeit der schweizerischen Übersetzerin Patricia Zurcher zu analysieren.

Ihre Lösung, die Duden-Einträge durch die des Roberts zu ersetzen, ist sicher die natürlichste und funktioniert oft gut. Jedoch hat sie die Übersetzerin viel Mühe gekostet, z.B. mit dem Wort „am“ (S. 51): Sie hat sich für den französischen Fluss „Aa“ entschieden (warum nicht?!). Andere Einträge stellen ein Problem dar, u.a. „Nissenhütte“ (S. 29), die in Französisch überhaupt nicht existiert. Aber wäre ein anderer Ausdruck mit dem nachfolgenden Wortspiel „Nisse“ (S. 32) möglich?

Ich habe auch „kulturelle“ Noten gelistet: „S-Bahnen“ (S. 8, trains de banlieue), „Speckgürtel“ (S. 10, ceinture de gras), „Berliner Philharmoniker“ (S. 39, Berliner Philarmonika), „Wassertreten“ (S. 83, Wassertreten), „Gnagis“ (S. 204, gnagis), usw. Für die letzten würde eine bessere Lösung darin bestehen, eine Übersetzung (orchestre philharmonique de Berlin) oder eine Verdeutlichung (jarret de porc) zu verwenden. So würde der Text auf den Leser weniger „fremd“ wirken. Ein anderer kultureller Aspekt sind die Bibelzitate (S. 11, 19, 24, usw.), die manchmal wörtlich übersetzt statt aus dem Französischen abgeschrieben wurden. Auch „deutsch“ (mindestens nicht „französisch“) klingt die Durchsage am Flughafen (S. 64: réservation pour Milan [...] quai d’embarquement). Außerdem bleibt das Lied „Stille Nacht“ (S. 94) auf Deutsch, obwohl es eine berühmte Übersetzung gibt.

Ich will jedoch nicht die Arbeit von Frau Zurcher nur negativ kritisieren. Das ganze Buch hat sie gut übersetzt und hat auch wunderbare Ideen gehabt, die, meiner Meinung nach, manchmal kreativer als die von Zschokke sind. Ich denke, dass sie z.B. die Falle „Einen Schönen“ (S. 49, une toute bonne soirée) gut gelöst hat: Da der „romand“ kein Dialekt ist, sondern einfach aus typisches Ausdrücken besteht, wählt sie eine authentische schweizerische Formulierung, durch die der schweizerdeutsche „Schöna“ gut ersetzt wird. Sie hat auch versucht, Wortspiele wiederherzustellen: „Entschuldibumm“ (S. 80) wird toutes mes exquises, was ich wunderbar und auch wirklichkeitsnah finde; Herren „Gernot Pflaume“ und „Mus“ (S. 205, 208) werden Victor Lapoire und Messieurs Guyot. Das Bild ist zwar anders, vielleicht komplizierter zu verstehen, aber ich halte sie für treffende Formulierungen.

Diese kurze Analyse ende ich hier. Sie zeigt noch einmal, wie der Beruf des Übersetzers kompliziert, manchmal undankbar, aber auch voll Herausforderungen und Kreativität ist. Er besteht aus einer Mischung von Genauigkeit und Freiheit, von Ausgangs- und Zielsprache, von Wahlen, die uns zuerst genial schienen, die aber nie gut genug sind. Genauso wie die Arbeit eines Schriftstellers.

Virginie Morard

Montag, 28. März 2011

"Maurice mit Huhn" Matthias Zschokke, Drenusha


Nun, ich denke, dass "Maurice mit Huhn" doch lesenswert ist. Nach den anfänglichen Annäherungsschwierigkeiten, die sehr wahrscheinlich darauf beruhen, dass dieser Roman anders als die anderen zu sein scheint und ich nicht auf Andersartigkeit gefasst war, an diese Lektüre, muss doch nach deren Ende festgehalten werden, dass irgendwo tief in meinem Inneren dieser Maurice eine Spur hinterlassen hat. Und dies deswegen, weil seine Persönlichkeit die eines Unbeschwerten und eines Tief-Nachdenkenden zugleich ist. Die Tatsache, dass manche Gedanken so gut auf den Punkt gebracht werden, als ob sie nicht einmal so präzise gedacht worden wären, macht den Leser doch sehr neugierig darauf, was uns dieser Maurice mit auf den weiteren Lebensweg mitgeben könnte. Obwohl, vielleicht ist er nicht gerade der beste Lebensberater für jeden von uns. Man vergegenwärtige sich nur noch mal die Stelle im Text, in der seine "angebliche" Mutter beschrieben wird. Eine Frau, auf der die Zeit mehr als nur ihre Spuren hinterlassen hat. Der Autor schafft es, die Widerwärtigkeit und Gebrauchtheit dieser Frau so zu inszenieren, dass beim Leser zwar Verachtung vielleicht aber auch Mitleid entstehen, aber vor allem Lust, sogar Drang, weiterzulesen und sich dieses Elend von einer Frau so gut wie möglich vorstellen zu können. Zschokke's Fähigkeit, den Leser auf eine solche Weise in die Welt der Andersartigkeit einzuführen und in ihm dann noch Interesse für dieses Fremde, Sonderbare zu erwecken, lässt während der ganzen Lektüre feststellen. Ein Musterbeispiel dafür ist auch die Begegnung mit einem ehemaligen Klassenkameraden an einem Klassentreffen. Eine Begegnung, die fast grotesk und zugleich amüsant beschrieben wird, dass es dem Leser, obwohl es eigentlich um etwas sehr Trauriges geht, trotzdem ein Schmunzeln abverlangt. Und nicht nur ein Schmunzeln, sondern wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, auch ein inneres, geistiges Zusammenzucken über  diese erschreckende Weissagung: Was, wenn ich genau wie die anderen, mir vorgenommen habe, etwas zu werden, aber immer noch da stehe und da bin, wo ich schon immer gestanden bin? "Und Maurice musste erkennen..." Zum Glück muss ich noch nicht erkennen, mir bleibt noch ein bisschen Zeit um so zu tun, als ob ich weiterkäme und das werde, was ich mir vorgenommen habe. Es liegt etwas Wunderschön-Grausames in diesem Moses Menn. Ich kann es so oft lesen wie ich will, ich komme nicht dahinter: "Er hatte das Wunder vollbracht, aus sich etwas anderes zu formen".
Die Sympathie, manchmal aber auch die starke Antipathie (zum Beispiel diese unglaublich nervige Idee von den unpassenden Schuhen), die man wegen dem und durch das Buch fühlt, lassen einen erschaudern und trotzdem will der Leser das Buch bezwingen, die Antipathie bezwingen. Man muss sich dann ganz schnell vergegenwärtigen, dass es doch im Grunde genommen immer noch nur ein Buch ist. Das wiederum fiel mir dann allerdings auch wieder schwer zu glauben, da ich oft nach Aussagen wie "dem Start viel näher als dem Ziel" oder "Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart" das Buch zur Seite legen musste, und gezwungen war, über diese unglaublich schönen und wahren Worte nachzudenken. Es ging einfach nicht anders, es war, als ob mir diese aneinander gereihten Buchstaben völlig die Augen für etwas geöffnet hätten, was ich zwar längst fühlte, aber nie sah. Ich wusste, dass es in mir schlummerte, und Maurice hat es geweckt. Manchmal hatte man jedoch das Gefühl, dass es eigentlich gar nicht mehr um Maurice ging, wie etwa, Entschuldigung, aber ich muss es einfach nochmals erwähnen, dass mit den Schuhen. Aber das hielt mich nicht weiter davon ab, weiterzulesen, viel zu gespannt war ich auf den Weg zu Maurice`s Glück. Und es endete, wie es enden musste:
Matthias Zschokke konstruiert auf eine sehr schlaue Weise sein Buch so, dass sich der Leser entweder sehr angesprochen oder abgestossen fühlen muss. Ich hätte zu den Letzteren gehört, wenn ich mich nicht hätte überwinden können. Es fällt einem doch auch ziemlich schwer, jahrelang zu leben und einfach gewisse Dinge nicht bis jetzt selbst gedacht oder gelebt zu haben, wie sie Maurice denkt und lebt.

Samstag, 19. März 2011

Warum Schreiben?

     Am 2. März bekamen wir in unserem Seminar den Besuch vom Schriftsteller Matthias Zschokke, Autor von „Maurice mit Huhn“. Dieses Buch hatten wir im Seminar gelesen und viel darüber diskutiert. Auf dem ersten Blick schien mir Matthias Zschokke sehr professionell und ruhig. Er kam mir wie ein bedächtiger Mensch vor, der sich über vieles in Ruhe Gedanken macht, was man in seinem Buch auch merken konnte. Er schien ein wenig nervös zu sein, was mich zu erst überraschte. Ich dachte als Schriftsteller ist man gewohnt vor vielen Menschen zu reden und zu lesen, aber ich schätze als Schriftsteller fühlen sich manche wohler beim Schreiben vor einem einsamen Blatt.
     Wir durften nach einer kurzen Lesung so viele, diverse Fragen wie möglich stellen. Viele interessierten sich näher für seine Bücher, die Übersetzung und das Schreibvorgehen von dieser. Was mich aber am meisten interessierte war warum er überhaupt mit dem Schreiben angefangen hatte, ob es einen bestimmten Ereignis gab, das ihn dazu motiviert hatte.
     Er erklärte, dass er früher Schauspieler werden wollte und dass er zusammen mit dem Regisseur die Texte schreiben musste für die Theaterstücken. Das Schauspielern war aber überhaupt nicht für ihn, sein Platz war nicht auf der Bühne (dies könnte seine Nervosität bei der Lesung erklären) sondern dahinter. Er war es Leid „total blöde Texte“ auswendig zu lernen und vorzuführen, und so begann er selber zu schreiben. Matthias hat das Schreiben lieben lernen. Er mag es sich in einem Raum nur mit Tisch und Stuhl einzusperren ohne Telefon und alleine nachzudenken und zu schreiben. Niemand will was von ihm, er muss sich nur um sich selbst und seine Gedanken kümmern. Er macht es gern.
     Diese Frage „warum schreiben?“ kann von jedem Schriftsteller oder Mensch, der für sich selbst schreibt anders beantwortet werden. Manchmal gibt es tiefe Gründe, manchmal ist es nur Zufall, dass man mit dem Schreiben begonnen hat, aber eines ist immer gleich bei jedem, sie machen es alle für ihr Leben gern.

 Félicia Römer

Dienstag, 1. März 2011

Nichts als Gespenster

     Eine junge Frau bekommt mit ihrem Freund ein Kind, weil sie wissen will wie es ist kleine Turnschuhe für es zu kaufen. Es scheint wahrscheinlich vielen ein merkwürdiges Konzept zu sein. Mir aber scheint es verständlich, es macht irgendwie Sinn.
     Die Geschichte „Nichts Als Gespenster“ von Judith Herrmann erweckt am meisten meine Aufmerksamkeit und Interesse, eben wegen dieser jungen Frau, Ellen. Obwohl das Paar in vielfacher Weise nicht zu einander passen und ziemlich oft nicht glücklich miteinander scheinen, entscheidet sich dieses Paar ein Kind zu haben nach einem Treffen mit einem merkwürdigen Mann (oder Gespenst?) namens Buddy, nur weil Ellen wissen will wie es ist kleine Turnschuhe zu kaufen. Ich hielt kurz inne um zu verstehen warum mir dies nicht seltsam, ja fast lächerlich, vorkam und somit wurde ich in dieser Geschichte hineingezogen.
     Damit ein Text mich interessieren und ich mich damit auseinandersetzen kann, muss ich mich in irgendeiner Weise mit eines der Protagonisten identifizieren können. Dies konnte ich sehr gut mit Ellen. Sie ist in einer Beziehung mit ihrem Freund Felix, doch sie scheint nicht wirklich glücklich mit ihm, denn sie sind sehr unterschiedlich, ja fast Gegensätze. Und doch am Ende der Geschichte hat sie ein Kind mit ihm. Warum? Weil sie unbedingt wissen will wie es ist kleine Turnschuhe zu kaufen?
     Das glaube ich kaum. Mir scheinen diese Turnschuhe ein Vorwand zu sein. Ellen muss als reife Frau an einem Punkt gelangt sein, wo ihr Leben und ihre Beziehung sich entwickeln müssen. Vielleicht wünscht sie sich innerlich ein Kind und ihr merkwürdiges Treffen mit Buddy gibt ihr den Rutsch, den sie braucht um diesen Schritt zu gehen. Aber warum mit Felix?
     Vielleicht weil ihr die Zeit fehlt eine neue Beziehung von vorne anzufangen, vielleicht ist sie glücklicher mit Felix als es scheint oder vielleicht ist es einfach, dass sie nicht wieder alleine sein will. Ihre Beziehung mit Felix ist stark und glücklich genug damit sie ein Kind haben kann. Dieses gemeinsame Kind könnte ihre Beziehung stärken, sie zusammen halten. War es Schicksal oder Zufall, dass Ellen in dieser Bar eintrat und Buddy begegnete? Erschienen Buddy und die anderen Gäste (wie Gespenster) nur um ihr zu helfen? Die Antwort bleibt Spekulation, aber genau diese verschiedenen Hypothese machen das Text und die Diskussion darüber interessant.
     Und wie ist es denn kleine Turnschuhe für sein Kind zu kaufen? Das muss wohl jeder für sich herausfinden, wenn die Zeit soweit ist.
Félicia Römer