Nun, ich denke, dass "Maurice mit Huhn" doch lesenswert ist. Nach den anfänglichen Annäherungsschwierigkeiten, die sehr wahrscheinlich darauf beruhen, dass dieser Roman anders als die anderen zu sein scheint und ich nicht auf Andersartigkeit gefasst war, an diese Lektüre, muss doch nach deren Ende festgehalten werden, dass irgendwo tief in meinem Inneren dieser Maurice eine Spur hinterlassen hat. Und dies deswegen, weil seine Persönlichkeit die eines Unbeschwerten und eines Tief-Nachdenkenden zugleich ist. Die Tatsache, dass manche Gedanken so gut auf den Punkt gebracht werden, als ob sie nicht einmal so präzise gedacht worden wären, macht den Leser doch sehr neugierig darauf, was uns dieser Maurice mit auf den weiteren Lebensweg mitgeben könnte. Obwohl, vielleicht ist er nicht gerade der beste Lebensberater für jeden von uns. Man vergegenwärtige sich nur noch mal die Stelle im Text, in der seine "angebliche" Mutter beschrieben wird. Eine Frau, auf der die Zeit mehr als nur ihre Spuren hinterlassen hat. Der Autor schafft es, die Widerwärtigkeit und Gebrauchtheit dieser Frau so zu inszenieren, dass beim Leser zwar Verachtung vielleicht aber auch Mitleid entstehen, aber vor allem Lust, sogar Drang, weiterzulesen und sich dieses Elend von einer Frau so gut wie möglich vorstellen zu können. Zschokke's Fähigkeit, den Leser auf eine solche Weise in die Welt der Andersartigkeit einzuführen und in ihm dann noch Interesse für dieses Fremde, Sonderbare zu erwecken, lässt während der ganzen Lektüre feststellen. Ein Musterbeispiel dafür ist auch die Begegnung mit einem ehemaligen Klassenkameraden an einem Klassentreffen. Eine Begegnung, die fast grotesk und zugleich amüsant beschrieben wird, dass es dem Leser, obwohl es eigentlich um etwas sehr Trauriges geht, trotzdem ein Schmunzeln abverlangt. Und nicht nur ein Schmunzeln, sondern wenn man ganz ehrlich zu sich selbst ist, auch ein inneres, geistiges Zusammenzucken über diese erschreckende Weissagung: Was, wenn ich genau wie die anderen, mir vorgenommen habe, etwas zu werden, aber immer noch da stehe und da bin, wo ich schon immer gestanden bin? "Und Maurice musste erkennen..." Zum Glück muss ich noch nicht erkennen, mir bleibt noch ein bisschen Zeit um so zu tun, als ob ich weiterkäme und das werde, was ich mir vorgenommen habe. Es liegt etwas Wunderschön-Grausames in diesem Moses Menn. Ich kann es so oft lesen wie ich will, ich komme nicht dahinter: "Er hatte das Wunder vollbracht, aus sich etwas anderes zu formen".
Die Sympathie, manchmal aber auch die starke Antipathie (zum Beispiel diese unglaublich nervige Idee von den unpassenden Schuhen), die man wegen dem und durch das Buch fühlt, lassen einen erschaudern und trotzdem will der Leser das Buch bezwingen, die Antipathie bezwingen. Man muss sich dann ganz schnell vergegenwärtigen, dass es doch im Grunde genommen immer noch nur ein Buch ist. Das wiederum fiel mir dann allerdings auch wieder schwer zu glauben, da ich oft nach Aussagen wie "dem Start viel näher als dem Ziel" oder "Das Grandiose ist aber der Rhythmus, der Fluss, die Allgegenwart" das Buch zur Seite legen musste, und gezwungen war, über diese unglaublich schönen und wahren Worte nachzudenken. Es ging einfach nicht anders, es war, als ob mir diese aneinander gereihten Buchstaben völlig die Augen für etwas geöffnet hätten, was ich zwar längst fühlte, aber nie sah. Ich wusste, dass es in mir schlummerte, und Maurice hat es geweckt. Manchmal hatte man jedoch das Gefühl, dass es eigentlich gar nicht mehr um Maurice ging, wie etwa, Entschuldigung, aber ich muss es einfach nochmals erwähnen, dass mit den Schuhen. Aber das hielt mich nicht weiter davon ab, weiterzulesen, viel zu gespannt war ich auf den Weg zu Maurice`s Glück. Und es endete, wie es enden musste:
Matthias Zschokke konstruiert auf eine sehr schlaue Weise sein Buch so, dass sich der Leser entweder sehr angesprochen oder abgestossen fühlen muss. Ich hätte zu den Letzteren gehört, wenn ich mich nicht hätte überwinden können. Es fällt einem doch auch ziemlich schwer, jahrelang zu leben und einfach gewisse Dinge nicht bis jetzt selbst gedacht oder gelebt zu haben, wie sie Maurice denkt und lebt.
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