Dienstag, 6. September 2011

Gegenwärtige Autoren im Internet

Ein der Vorteile, wenn man gegenwärtige Literatur studiert, ist, dass man sich im Internet über die Autoren und ihr Werk erkundigen kann, und zwar nicht nur schriftlich, sondern auch bildlich. Ich möchte also hier einen kurzen Überblick über die bildliche Anwesenheit der Autoren, die wir im Laufe dieses Seminars gelesen haben, im Internet vorzeigen:   



Viel Spass damit! 

Marie Chenu

Mittwoch, 17. August 2011

Die Lesungen


In dem Seminar Literarische Neuerscheinungen hatten wir das Glück,
zwei Autoren, die wir im Seminar behandelt haben, im Rahmen einer Lesung in Genf kennenzulernen. Ich mag Lesungen sehr gerne und bin immer wieder erstaunt darüber, wie ein Autor seine Texte liest, die ich als Leserin ganz anders gelesen habe.
In diesem Blogeintrag möchte ich auf die zwei Lesungen eingehen und erzählen wie ich diese empfunden habe.

Ingo Schulze liest im Herbstsemester. Draussen regnet es in Strömen und vor uns steht ein braun gelockter dynamischer Ingo Schulze, der dann sogleich auch zum Lesen ansetzte. Schwungvoll, mit lauter Stimme und mit grosser Präsenz liest er uns die Kurzgeschichte Orangen und Engel aus seinem gleichnamigen Buch vor. So zügig wie ich das Buch gelesen habe, so zügig liest auch der Autor. Es gefällt mir wie er das Wort Orangen ausspricht, das ja reichlich in dieser Geschichte vorkommt. Rund und elegant tönt es, nicht so holperig, wie wenn ich mich an diesem Wort versuche.
Lustig wird es, als der Autor von seiner Begegnung mit dem Tintenfisch vorliest. Ich stelle ihn mir bildlich vor, wie er vor diesem tentakelartigen Tier steht. Seine Locken, die so verspielt durch die Luft hopsen wie die Beinen des Tintenfisches. Und ich muss lachen. Es gibt viele Lacher während der Lesung. Er liest vergnüglich, Ingo Schulze. Obwohl nicht alles so vergnüglich ist in dieser Geschichte. Er liest wie ein Geschichtenerzähler der geübt ist darin vorzulesen.

Matthias Zschokke besucht uns im Frühling. Er sitzt etwas in sich gekrümmt und konzentriert sich aufs Buch während er uns den wunderbaren Abschnitt über die Greisin aus Maurice mit Huhn vorliest. Scheu schaut er ins Publikum. Er liest leise und holprig. Ich habe das Gefühl, dass er mit einigen Worten hadert. Er gibt sich Mühe, jedes einzelne Wort richtig zu betonen, und vergisst dabei oft die Betonung des ganzen Satzes. Und ich fühle mit ihm, gehöre ich doch auch du den Deutschschweizern, die manchmal mit der deutschen Aussprache von komplizierten Wörtern Schwierigkeiten haben. Er hat einen starken schweizerdeutschen Akzenten beim Vor-Lesen, einen Akzent den ich beim Selber-Lesen schon herauszuhören glaubte. Oftmals meinte ich beim Selber-Lesen auf ein schweizerdeutsches Wort oder Formulierung gestossen zu sein.
Und wie beim Selber-Lesen muss ich mir Mühe geben ihm genau zuzuhören. Manchmal höre ich auch nur seinem Rhythmus zu, oder einzelnen Worten.
Dabei frage ich mich, wie es möglich ist, dass ein ausgebildeter Schauspieler wie Matthias Zschokke, der schon seit über dreissig Jahren in Deutschland lebt, so einen starken schweizerischen Akzenten behält? Leider habe ich ihm diese Frage an der Lesung nicht gestellt, werde sie ihm aber sicher bei unserer nächsten Begegnung fragen. Diese Lesung war für mich sehr speziell und fein und ich werde mich wohl noch lange daran erinnern, wie der Autor vom „rettichfarbene[n] Schädel mit den verschleierten, trüben Augen“[1] erzählt hat.

Zu vergleichen sind die beiden Lesungen nicht, deshalb gebe ich zwei Links an, wo man die beiden Autoren vorlesen sehen und hören kann.

Ingo Schulze:
http://vodpod.com/watch/2360785-ingo-schulze-liest-aus-adam-evelyn-greifswalder207

Matthias Zschokke: http://www.youtube.com/watch?v=DFPQyAHN_no&feature=related

Leider handelt es sich bei diesen Links nicht um die in dem Seminar behandelten Texte. Ihnen zuzuhören ist aber trotzdem schön und spannend. Viel Vergnügen!


[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 73


msw

Meine Maurice mit Huhn - Leseerfahrung

Drei Mal habe ich dieses Buch begonnen und nie bin ich über die ersten siebzehn Seiten rausgekommen. An was es wohl liegt? Am Titelbild, das mich jedes Mal aufs Neue besorgt anstarrt, bevor ich das Buch öffne ? Einem Ausschnitt des Bildes « Maurice mit Huhn », das 1877 von dem Schweizer Maler Albert Anker gemalt wurde und von welchem mich unbeholfen der kleine Junge Maurice mit seinem eng umschlungenen Huhn ankuckt. Ich weiss nicht, ob der kleine Knabe lächelt oder einfach konzentriert aus dem Buch schaut. Wird das die Geschichte von diesem Maurice ? Diesem Jungen aus einer anderen Zeit ?  Vergeblich suche ich den kleinen Jungen auf den ersten Seiten. Ich finde wohl eher Matthias, einen älteren Maurice oder jemanden, der Matthias irgendwie ähnlich ist und uns bis ins kleinste Detail von seinen Überlegungen und Assoziationssträngen berichtet. Doch anstatt ihm zuzuhören, assoziiere ich selber und spinne bei jeder Gelegenheit meine eigenen Gedanken weiter. So muss ich mich sehr fest konzentrieren, ja fast zwingen, diese ersten Seiten zu überwinden und meine Assoziationen zu unterdrücken. Ersteres gelingt mir müheloser als das Zweite. Oft lese ich Absätze ein zweites Mal, ja manchmal auch ein drittes Mal, um zu verstehen, was geschrieben steht und warum und wann ein Gedanke in einen anderen übergegangen ist. Natürlich spielen mir nicht nur meinen eigenen Gedankenhopser einen Streich, sondern auch die Zeit und Ortsprünge im Buch selber. Oft ist mir nicht klar, wo ich mich als Leserin befinde und mit wem ich es zu tun habe. Mit « ein[em] weitere[en] Maurice ? »[1] Wie viele davon gibt es denn ? Und wie viele Louisen es wohl geben mag ? Die trotz ihrer Vielfältigkeit wohl eine einzige Louise sind. Manches fand ich schön, manches weniger. Die Greisin, die in einem anderen Buch die Rolle  meiner Grossmutter übernehmen könnte, oder die der Louise, hat mich besonders gerührt. Dank diesen schönen tieftraurigen und zartbitteren Formulierungen wie von der Grossmutter ist mir dieses Buch trotz meine anfänglichen und andauernden Schwierigkeiten ans Herz gewachsen und kann es weiter empfehlen. Und falls man nicht die Geduld hat das ganze Buch zu lesen, sollte man zumindest die Geschichte der Greisin von Seite 71 bis 76 lesen.


[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 194


msw

Donnerstag, 16. Juni 2011

Die Einzeller


Die Einzeller

Zwei Einzeller unterhalten sich über die Welt.
Sie freuen sich über die Gehorsamkeit der Menschen gegenüber dem stolzen Stamm der Einzeller.
Dank den Menschen, werden sie endlich mal wieder die einzigen Besitzer und Herrscher der Erde.
In der letztens stattgefundenen grossen Konferenz der Einzeller für die Herrschaft der Welt: G.K.E.H.W., ist die Prognose extrem positiv.
Die Kurve der ersten Statistik hat sehr gut gezeigt, dass die Menschen alles dafür tun um den besten, natürlichen und gesellschaftlichen Lebensraum für die seltensten und besten Individuen der Einzeller zu schaffen. Am besten, so wenig wie möglich Sauerstoff.
Als die Kurve des Intergrationspotentials der Menschen an die Lebensmorale der Einzeller gezeigt wurde, jubelte die, bei der G.K.E.H.W., anwesende Menge von Einzellern vor Freude. Endlich ist ein Lebewesen in der Lage den Individualismussinn ihrer Kultur seinen wahren Wert beizumessen. 
Durch das Lesen des heiligen Buches "Self-Made like an unicellular" haben endlich die Menschen die Wahrheit der Einzeller als universell und richtig erkannt.
« Ein guter Einzeller sein! Das ist ja ein erfolgsversprechendes Lebensziel! », freuen sich die beide Einzeller für die Menschen.

Elvis (literarische Neuerscheinungen, Genf 2011)

Weltbild HVZ***


Weltbild HVZ***

Sie ist ausgezogen.
Sie wohnt jetzt in einem anderen Land.
Ihre Vergangenheit hat sie keine Lust mehr zu erzählen.
Das ist vielleicht gewöhnlich.
Manche würden es verstehen, bei manchen anderen muss man aufgeben.
Es würde sich nicht lohnen.

Die Träume der Vergangenheit werden die Trümmer der Gegenwart:

Ihr Mann war ein politischer Gefangener.
Es gibt aber keine politische Gefangene in unseren demokratischen Ländern, sagt man.

Er war also Gefangener, Krimineller?
« Aber welche Macht welches Landes würde sich selber anders als gut und gerecht bezeichnen? », hat sie oft gedacht.

Man fragt sie, was sie über die Liebe denkt.
Eine störende Frage, wenn man die Begriffe Treue und Betrug nicht mehr benutzen kann.

Eine Weltbildsfrage.


Elvis (literarische Neuerscheinungen, Genf 2011)

Mittwoch, 8. Juni 2011

Die kriminalistische Schlussfrage zum Roman «Die Leinwand»

Benjamin Steins Roman Die Leinwand thematisiert die Vergangenheit, die sich nicht bewältigen lässt, und treibt auch durch die beiden Erzählstränge ein Verwirrspiel mit der Unverlässlichkeit der Erinnerung. Ein «Januskopf von einem Buch», wie die »Süddeutsche Zeitung«, schrieb: «Egal, wie herum man es wendet, es kehrt einem immer das Gesicht zu.» Eine Frage des (auch!) kriminalistischen Romans bleibt am Schluss: Was passierte mit Amnon Zichroni? Warum hört dessen Geschichte nach dem Bad Wechslers in der Mikwe auf? Wurde er gar ermordet? Tröstlich zu wissen, dass mit diesem Rätsel offenbar auch die Profis ihre liebe Mühe zu scheinen haben: So mutmasst etwa der Literaturrezensent der »Süddeutschen Zeitung«, Wechsler und Zichroni seien ein und dieselbe Person (obwohl ersterer immerhin 15 Jahre älter ist) und stützt seine Kritik voll auf diese wohl falsche Vermutung:
«…legen sie die Vermutung nahe, dass die zwei Protagonisten, die sich hier offensichtlich gegenseitig zu ertränken versucht haben, in Wirklichkeit ein einziger waren. Das ist zum Schluss vielleicht um ein Klein Weniges zu schlau ausgedacht. Dass es sich bei aller Erinnerung um ein Konstrukt handelt und alle Identität darum auf schwankendem Boden steht, wird hier auf etwas überallegorische Weise zu Gemüte geführt. Die zwei Halbbücher am Ende greifen nicht ganz so zwingend ineinander, wie dem Autor vorschwebte. Der Schade des Lesers muss dies nicht sein.» (http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Die_Leinwand+Benjamin_Stein/ 5563735.do;jsessionid=77A28C9684C97E4256D12F74A4C893E1.hesse:9009?extraInformationShortModus=false&currentExtraInformationTab= )

Was dem Autor genau vorschwebte, lässt sich eben nicht so schlüssig herausfinden. Im Seminar Literarische Neuerscheinungen der Uni Genf jedenfalls sind immerhin ein gutes Dutzend Teilnehmende in drei Doppellektionen auch und vor allem auf diese Frage eingegangen. Hat Zichroni Wechsler unter Wasser gedrückt und ihn dabei getötet? Nein, denn Zichronis Notizen hören ja vor denjenigen Wechslers auf, bzw. Wechsler lässt uns an seiner Geschichte nach dem Zusammentreff mit Zichroni weiterhin teilnehmen. Hat Wechsler etwa Zichroni umgebracht? Im Verhör mit dem israelischen Polizeiinspektor könnte dieser Anschein jedenfalls erweckt werden. Dazu hat sich der Autor selbst geäussert (in einer Bemerkung übrigens an eine weitere, zumindest sachlich nicht sehr fundierte Rezension, zu lesen auf www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1217725/ ) :
«Dass es sich schließlich bei dem Showdown in Moza nicht um einen Mord gehandelt haben kann, weil sowohl Zichroni als auch Wechsler ihre Versionen der Geschichte nach diesem Ereignis erzählen, ist der Aufmerksamkeit der Rezensentin auch entgangen.» (http://turmsegler.net/20100707/die-finten-der-identitaet/)

Wenn nun aber Zichroni seinen eigenen «Mord» geplant hätte, bzw. diesen Wechsler unterjubeln wollte? Was wäre sein Motiv? Rache an Wechsler, der ihn immerhin um Job und Ruf gebracht hat, der mit seiner journalistischen Enthüllungsstory Minsky zwar «eine lückenlos belegbare Identität geschenkt», ihm dafür aber «seine Erinnerungen geraubt» hat (W.189)? Wäre wohl eine glaubwürdigere Spur. Dies ergäbe zudem eine plausible Antwort auf die Frage nach dem Absender des ominösen Koffers: Zichroni hätte dann seine eigenen Habseligkeiten (seine Handschuhe, die von ihm verfasste Fallstudie, den Demantoiden) in den an Wechsler adressierten Koffer gelegt...  
Bei allem Interesse für die kriminalistischen Fragen überwiegt aber schliesslich die Faszination für den mystischen Inhalt dieses (Doppel-)Romans: Was ist die symbolische Bedeutung der Handschuhe und des Koffers, was hat es mit den rituellen Waschungen der Mikwaot auf sich, und warum der Titel «Die Leinwand»? Das ergäbe dann aber mindestens einen neuen Blog-Eintrag…
Dominik Erni

Donnerstag, 5. Mai 2011

Am Anfang war H

      Zum im Seminar Literarische Neuerscheinungen behandelten Buch H stellt sich vor vom Autorenduo Felix Kauf/ Michel Mettler.
H, sehr auf seine Wirkung auf seine Umfeld bedacht, ist weniger mit seiner Umwelt als viel mehr mit sich selbst beschäftigt und spricht über andere insbesondere, um sich selbst zu spiegeln. «H, weiss H, kommt als einziger Laut in allen Sprachen vor. Im Anfang, denkt H, war nicht das Wort, sondern ein gehauchter Laut, aus dem alles Weitere sich ergab.» H ist, um es mal positiv zu formulieren, «sich seiner sicher», und verfügt über ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Anders gesagt, er ist meist Ich-bezogen, selbstgefällig, selbstverliebt, selbstüberschätzend. Aber ist er nun ein Narziss oder versteckt sich darunter ein bemitleidenswert grosser Minderwertigkeitskomplex? Sicher ist H eine dankbare Spiegelprojektion («so bin ich zum Glück nicht») und liest sich darum auch so gut. Wie lebt H? Er ist allein, war nie verheiratet, lebt in einer Zweitwohnung in der Stadt in der obersten 17.Etage eines Hochhauses. Was hält er von seinem Umfeld, von den Menschen seiner Umgebung? Viel und zugleich sehr wenig: Alles lebt schliesslich für ihn; er wäre ohne sein Umfeld nichts, meint aber, sein Umfeld sei komplett von ihm abhängig und auf ihn fixiert. Sehen wir trotz allem Gemeinsamkeiten H‘s zu uns? Insgeheim wohl da und dort, an wenigen Stellen schon, im Alltag, in einzelnen Alltagsphilosophien. Eher wirkt er für uns aber lächerlich, abstossend gar oder auch mal unheimlich.
Ist H eine Parodie auf jemanden? Auf den Schweizer, wie Perikles Monioudis von den «Schweizer Monatsheften» auf dem Buchumschlag von «H stellt sich vor» meint? Wohl eher generell auf den urbanen Mitteleuropäer. Das beschriebene Leben H‘s kann dann auch als eine Persiflage auf die bei gewissen urbanen, «hedonistischen», selbstgefälligen und –verliebten, vor allem auf den eigenen «Fun» bedachten Stadtbewohner vorherrschende Lebenseinstellung angesehen werden; vielleicht aber auch auf ein immer mehr um sich greifendes Literatur-Genre einer kaschierten Autobiographitis (man pickt 90 % aus Selbsterfahrenem, reagiert aber pikiert auf die Frage, wie weit das Erzählte mit der eigenen Biographie zu tun habe) oder auch auf die schon länger grassierende Originalitätis (egal was man schreibt, es muss unbedingt originell sein, und wenn die Suppe zu dünn wird, kann man immer noch Hegel zitieren. Der sagte übrigens «Wer etwas Grosses will, der muss sich zu beschränken wissen, wer dagegen alles will, der will in der Tat nichts und bringt es zu nichts.»).
Vielleicht sind es aber auch einfach Geschichten über H, der sich vorstellt. Am Anfang war H, und daraus lässt sich dann eine ganze Welt kreieren…


Dominik Erni