Mittwoch, 17. August 2011

Meine Maurice mit Huhn - Leseerfahrung

Drei Mal habe ich dieses Buch begonnen und nie bin ich über die ersten siebzehn Seiten rausgekommen. An was es wohl liegt? Am Titelbild, das mich jedes Mal aufs Neue besorgt anstarrt, bevor ich das Buch öffne ? Einem Ausschnitt des Bildes « Maurice mit Huhn », das 1877 von dem Schweizer Maler Albert Anker gemalt wurde und von welchem mich unbeholfen der kleine Junge Maurice mit seinem eng umschlungenen Huhn ankuckt. Ich weiss nicht, ob der kleine Knabe lächelt oder einfach konzentriert aus dem Buch schaut. Wird das die Geschichte von diesem Maurice ? Diesem Jungen aus einer anderen Zeit ?  Vergeblich suche ich den kleinen Jungen auf den ersten Seiten. Ich finde wohl eher Matthias, einen älteren Maurice oder jemanden, der Matthias irgendwie ähnlich ist und uns bis ins kleinste Detail von seinen Überlegungen und Assoziationssträngen berichtet. Doch anstatt ihm zuzuhören, assoziiere ich selber und spinne bei jeder Gelegenheit meine eigenen Gedanken weiter. So muss ich mich sehr fest konzentrieren, ja fast zwingen, diese ersten Seiten zu überwinden und meine Assoziationen zu unterdrücken. Ersteres gelingt mir müheloser als das Zweite. Oft lese ich Absätze ein zweites Mal, ja manchmal auch ein drittes Mal, um zu verstehen, was geschrieben steht und warum und wann ein Gedanke in einen anderen übergegangen ist. Natürlich spielen mir nicht nur meinen eigenen Gedankenhopser einen Streich, sondern auch die Zeit und Ortsprünge im Buch selber. Oft ist mir nicht klar, wo ich mich als Leserin befinde und mit wem ich es zu tun habe. Mit « ein[em] weitere[en] Maurice ? »[1] Wie viele davon gibt es denn ? Und wie viele Louisen es wohl geben mag ? Die trotz ihrer Vielfältigkeit wohl eine einzige Louise sind. Manches fand ich schön, manches weniger. Die Greisin, die in einem anderen Buch die Rolle  meiner Grossmutter übernehmen könnte, oder die der Louise, hat mich besonders gerührt. Dank diesen schönen tieftraurigen und zartbitteren Formulierungen wie von der Grossmutter ist mir dieses Buch trotz meine anfänglichen und andauernden Schwierigkeiten ans Herz gewachsen und kann es weiter empfehlen. Und falls man nicht die Geduld hat das ganze Buch zu lesen, sollte man zumindest die Geschichte der Greisin von Seite 71 bis 76 lesen.


[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 194


msw

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