In dem Seminar Literarische Neuerscheinungen hatten wir das Glück,
zwei Autoren, die wir im Seminar behandelt haben, im Rahmen einer Lesung in Genf kennenzulernen. Ich mag Lesungen sehr gerne und bin immer wieder erstaunt darüber, wie ein Autor seine Texte liest, die ich als Leserin ganz anders gelesen habe.
In diesem Blogeintrag möchte ich auf die zwei Lesungen eingehen und erzählen wie ich diese empfunden habe.
Ingo Schulze liest im Herbstsemester. Draussen regnet es in Strömen und vor uns steht ein braun gelockter dynamischer Ingo Schulze, der dann sogleich auch zum Lesen ansetzte. Schwungvoll, mit lauter Stimme und mit grosser Präsenz liest er uns die Kurzgeschichte Orangen und Engel aus seinem gleichnamigen Buch vor. So zügig wie ich das Buch gelesen habe, so zügig liest auch der Autor. Es gefällt mir wie er das Wort Orangen ausspricht, das ja reichlich in dieser Geschichte vorkommt. Rund und elegant tönt es, nicht so holperig, wie wenn ich mich an diesem Wort versuche.
Lustig wird es, als der Autor von seiner Begegnung mit dem Tintenfisch vorliest. Ich stelle ihn mir bildlich vor, wie er vor diesem tentakelartigen Tier steht. Seine Locken, die so verspielt durch die Luft hopsen wie die Beinen des Tintenfisches. Und ich muss lachen. Es gibt viele Lacher während der Lesung. Er liest vergnüglich, Ingo Schulze. Obwohl nicht alles so vergnüglich ist in dieser Geschichte. Er liest wie ein Geschichtenerzähler der geübt ist darin vorzulesen.
Matthias Zschokke besucht uns im Frühling. Er sitzt etwas in sich gekrümmt und konzentriert sich aufs Buch während er uns den wunderbaren Abschnitt über die Greisin aus Maurice mit Huhn vorliest. Scheu schaut er ins Publikum. Er liest leise und holprig. Ich habe das Gefühl, dass er mit einigen Worten hadert. Er gibt sich Mühe, jedes einzelne Wort richtig zu betonen, und vergisst dabei oft die Betonung des ganzen Satzes. Und ich fühle mit ihm, gehöre ich doch auch du den Deutschschweizern, die manchmal mit der deutschen Aussprache von komplizierten Wörtern Schwierigkeiten haben. Er hat einen starken schweizerdeutschen Akzenten beim Vor-Lesen, einen Akzent den ich beim Selber-Lesen schon herauszuhören glaubte. Oftmals meinte ich beim Selber-Lesen auf ein schweizerdeutsches Wort oder Formulierung gestossen zu sein.
Und wie beim Selber-Lesen muss ich mir Mühe geben ihm genau zuzuhören. Manchmal höre ich auch nur seinem Rhythmus zu, oder einzelnen Worten.
Dabei frage ich mich, wie es möglich ist, dass ein ausgebildeter Schauspieler wie Matthias Zschokke, der schon seit über dreissig Jahren in Deutschland lebt, so einen starken schweizerischen Akzenten behält? Leider habe ich ihm diese Frage an der Lesung nicht gestellt, werde sie ihm aber sicher bei unserer nächsten Begegnung fragen. Diese Lesung war für mich sehr speziell und fein und ich werde mich wohl noch lange daran erinnern, wie der Autor vom „rettichfarbene[n] Schädel mit den verschleierten, trüben Augen“[1] erzählt hat.
Zu vergleichen sind die beiden Lesungen nicht, deshalb gebe ich zwei Links an, wo man die beiden Autoren vorlesen sehen und hören kann.
Ingo Schulze:
http://vodpod.com/watch/2360785-ingo-schulze-liest-aus-adam-evelyn-greifswalder207
Matthias Zschokke: http://www.youtube.com/watch?v=DFPQyAHN_no&feature=related
Leider handelt es sich bei diesen Links nicht um die in dem Seminar behandelten Texte. Ihnen zuzuhören ist aber trotzdem schön und spannend. Viel Vergnügen!
[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 73
msw