Mittwoch, 17. August 2011

Die Lesungen


In dem Seminar Literarische Neuerscheinungen hatten wir das Glück,
zwei Autoren, die wir im Seminar behandelt haben, im Rahmen einer Lesung in Genf kennenzulernen. Ich mag Lesungen sehr gerne und bin immer wieder erstaunt darüber, wie ein Autor seine Texte liest, die ich als Leserin ganz anders gelesen habe.
In diesem Blogeintrag möchte ich auf die zwei Lesungen eingehen und erzählen wie ich diese empfunden habe.

Ingo Schulze liest im Herbstsemester. Draussen regnet es in Strömen und vor uns steht ein braun gelockter dynamischer Ingo Schulze, der dann sogleich auch zum Lesen ansetzte. Schwungvoll, mit lauter Stimme und mit grosser Präsenz liest er uns die Kurzgeschichte Orangen und Engel aus seinem gleichnamigen Buch vor. So zügig wie ich das Buch gelesen habe, so zügig liest auch der Autor. Es gefällt mir wie er das Wort Orangen ausspricht, das ja reichlich in dieser Geschichte vorkommt. Rund und elegant tönt es, nicht so holperig, wie wenn ich mich an diesem Wort versuche.
Lustig wird es, als der Autor von seiner Begegnung mit dem Tintenfisch vorliest. Ich stelle ihn mir bildlich vor, wie er vor diesem tentakelartigen Tier steht. Seine Locken, die so verspielt durch die Luft hopsen wie die Beinen des Tintenfisches. Und ich muss lachen. Es gibt viele Lacher während der Lesung. Er liest vergnüglich, Ingo Schulze. Obwohl nicht alles so vergnüglich ist in dieser Geschichte. Er liest wie ein Geschichtenerzähler der geübt ist darin vorzulesen.

Matthias Zschokke besucht uns im Frühling. Er sitzt etwas in sich gekrümmt und konzentriert sich aufs Buch während er uns den wunderbaren Abschnitt über die Greisin aus Maurice mit Huhn vorliest. Scheu schaut er ins Publikum. Er liest leise und holprig. Ich habe das Gefühl, dass er mit einigen Worten hadert. Er gibt sich Mühe, jedes einzelne Wort richtig zu betonen, und vergisst dabei oft die Betonung des ganzen Satzes. Und ich fühle mit ihm, gehöre ich doch auch du den Deutschschweizern, die manchmal mit der deutschen Aussprache von komplizierten Wörtern Schwierigkeiten haben. Er hat einen starken schweizerdeutschen Akzenten beim Vor-Lesen, einen Akzent den ich beim Selber-Lesen schon herauszuhören glaubte. Oftmals meinte ich beim Selber-Lesen auf ein schweizerdeutsches Wort oder Formulierung gestossen zu sein.
Und wie beim Selber-Lesen muss ich mir Mühe geben ihm genau zuzuhören. Manchmal höre ich auch nur seinem Rhythmus zu, oder einzelnen Worten.
Dabei frage ich mich, wie es möglich ist, dass ein ausgebildeter Schauspieler wie Matthias Zschokke, der schon seit über dreissig Jahren in Deutschland lebt, so einen starken schweizerischen Akzenten behält? Leider habe ich ihm diese Frage an der Lesung nicht gestellt, werde sie ihm aber sicher bei unserer nächsten Begegnung fragen. Diese Lesung war für mich sehr speziell und fein und ich werde mich wohl noch lange daran erinnern, wie der Autor vom „rettichfarbene[n] Schädel mit den verschleierten, trüben Augen“[1] erzählt hat.

Zu vergleichen sind die beiden Lesungen nicht, deshalb gebe ich zwei Links an, wo man die beiden Autoren vorlesen sehen und hören kann.

Ingo Schulze:
http://vodpod.com/watch/2360785-ingo-schulze-liest-aus-adam-evelyn-greifswalder207

Matthias Zschokke: http://www.youtube.com/watch?v=DFPQyAHN_no&feature=related

Leider handelt es sich bei diesen Links nicht um die in dem Seminar behandelten Texte. Ihnen zuzuhören ist aber trotzdem schön und spannend. Viel Vergnügen!


[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 73


msw

Meine Maurice mit Huhn - Leseerfahrung

Drei Mal habe ich dieses Buch begonnen und nie bin ich über die ersten siebzehn Seiten rausgekommen. An was es wohl liegt? Am Titelbild, das mich jedes Mal aufs Neue besorgt anstarrt, bevor ich das Buch öffne ? Einem Ausschnitt des Bildes « Maurice mit Huhn », das 1877 von dem Schweizer Maler Albert Anker gemalt wurde und von welchem mich unbeholfen der kleine Junge Maurice mit seinem eng umschlungenen Huhn ankuckt. Ich weiss nicht, ob der kleine Knabe lächelt oder einfach konzentriert aus dem Buch schaut. Wird das die Geschichte von diesem Maurice ? Diesem Jungen aus einer anderen Zeit ?  Vergeblich suche ich den kleinen Jungen auf den ersten Seiten. Ich finde wohl eher Matthias, einen älteren Maurice oder jemanden, der Matthias irgendwie ähnlich ist und uns bis ins kleinste Detail von seinen Überlegungen und Assoziationssträngen berichtet. Doch anstatt ihm zuzuhören, assoziiere ich selber und spinne bei jeder Gelegenheit meine eigenen Gedanken weiter. So muss ich mich sehr fest konzentrieren, ja fast zwingen, diese ersten Seiten zu überwinden und meine Assoziationen zu unterdrücken. Ersteres gelingt mir müheloser als das Zweite. Oft lese ich Absätze ein zweites Mal, ja manchmal auch ein drittes Mal, um zu verstehen, was geschrieben steht und warum und wann ein Gedanke in einen anderen übergegangen ist. Natürlich spielen mir nicht nur meinen eigenen Gedankenhopser einen Streich, sondern auch die Zeit und Ortsprünge im Buch selber. Oft ist mir nicht klar, wo ich mich als Leserin befinde und mit wem ich es zu tun habe. Mit « ein[em] weitere[en] Maurice ? »[1] Wie viele davon gibt es denn ? Und wie viele Louisen es wohl geben mag ? Die trotz ihrer Vielfältigkeit wohl eine einzige Louise sind. Manches fand ich schön, manches weniger. Die Greisin, die in einem anderen Buch die Rolle  meiner Grossmutter übernehmen könnte, oder die der Louise, hat mich besonders gerührt. Dank diesen schönen tieftraurigen und zartbitteren Formulierungen wie von der Grossmutter ist mir dieses Buch trotz meine anfänglichen und andauernden Schwierigkeiten ans Herz gewachsen und kann es weiter empfehlen. Und falls man nicht die Geduld hat das ganze Buch zu lesen, sollte man zumindest die Geschichte der Greisin von Seite 71 bis 76 lesen.


[1] ZSCHOKKE Matthias, Maurice mit Huhn, Frankfurt am Main, Fischer Taschenbuch Verlag, 2010, Seite 194


msw