Mittwoch, 8. Juni 2011

Die kriminalistische Schlussfrage zum Roman «Die Leinwand»

Benjamin Steins Roman Die Leinwand thematisiert die Vergangenheit, die sich nicht bewältigen lässt, und treibt auch durch die beiden Erzählstränge ein Verwirrspiel mit der Unverlässlichkeit der Erinnerung. Ein «Januskopf von einem Buch», wie die »Süddeutsche Zeitung«, schrieb: «Egal, wie herum man es wendet, es kehrt einem immer das Gesicht zu.» Eine Frage des (auch!) kriminalistischen Romans bleibt am Schluss: Was passierte mit Amnon Zichroni? Warum hört dessen Geschichte nach dem Bad Wechslers in der Mikwe auf? Wurde er gar ermordet? Tröstlich zu wissen, dass mit diesem Rätsel offenbar auch die Profis ihre liebe Mühe zu scheinen haben: So mutmasst etwa der Literaturrezensent der »Süddeutschen Zeitung«, Wechsler und Zichroni seien ein und dieselbe Person (obwohl ersterer immerhin 15 Jahre älter ist) und stützt seine Kritik voll auf diese wohl falsche Vermutung:
«…legen sie die Vermutung nahe, dass die zwei Protagonisten, die sich hier offensichtlich gegenseitig zu ertränken versucht haben, in Wirklichkeit ein einziger waren. Das ist zum Schluss vielleicht um ein Klein Weniges zu schlau ausgedacht. Dass es sich bei aller Erinnerung um ein Konstrukt handelt und alle Identität darum auf schwankendem Boden steht, wird hier auf etwas überallegorische Weise zu Gemüte geführt. Die zwei Halbbücher am Ende greifen nicht ganz so zwingend ineinander, wie dem Autor vorschwebte. Der Schade des Lesers muss dies nicht sein.» (http://sz-shop.sueddeutsche.de/mediathek/shop/Produktdetails/Buch+Die_Leinwand+Benjamin_Stein/ 5563735.do;jsessionid=77A28C9684C97E4256D12F74A4C893E1.hesse:9009?extraInformationShortModus=false&currentExtraInformationTab= )

Was dem Autor genau vorschwebte, lässt sich eben nicht so schlüssig herausfinden. Im Seminar Literarische Neuerscheinungen der Uni Genf jedenfalls sind immerhin ein gutes Dutzend Teilnehmende in drei Doppellektionen auch und vor allem auf diese Frage eingegangen. Hat Zichroni Wechsler unter Wasser gedrückt und ihn dabei getötet? Nein, denn Zichronis Notizen hören ja vor denjenigen Wechslers auf, bzw. Wechsler lässt uns an seiner Geschichte nach dem Zusammentreff mit Zichroni weiterhin teilnehmen. Hat Wechsler etwa Zichroni umgebracht? Im Verhör mit dem israelischen Polizeiinspektor könnte dieser Anschein jedenfalls erweckt werden. Dazu hat sich der Autor selbst geäussert (in einer Bemerkung übrigens an eine weitere, zumindest sachlich nicht sehr fundierte Rezension, zu lesen auf www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1217725/ ) :
«Dass es sich schließlich bei dem Showdown in Moza nicht um einen Mord gehandelt haben kann, weil sowohl Zichroni als auch Wechsler ihre Versionen der Geschichte nach diesem Ereignis erzählen, ist der Aufmerksamkeit der Rezensentin auch entgangen.» (http://turmsegler.net/20100707/die-finten-der-identitaet/)

Wenn nun aber Zichroni seinen eigenen «Mord» geplant hätte, bzw. diesen Wechsler unterjubeln wollte? Was wäre sein Motiv? Rache an Wechsler, der ihn immerhin um Job und Ruf gebracht hat, der mit seiner journalistischen Enthüllungsstory Minsky zwar «eine lückenlos belegbare Identität geschenkt», ihm dafür aber «seine Erinnerungen geraubt» hat (W.189)? Wäre wohl eine glaubwürdigere Spur. Dies ergäbe zudem eine plausible Antwort auf die Frage nach dem Absender des ominösen Koffers: Zichroni hätte dann seine eigenen Habseligkeiten (seine Handschuhe, die von ihm verfasste Fallstudie, den Demantoiden) in den an Wechsler adressierten Koffer gelegt...  
Bei allem Interesse für die kriminalistischen Fragen überwiegt aber schliesslich die Faszination für den mystischen Inhalt dieses (Doppel-)Romans: Was ist die symbolische Bedeutung der Handschuhe und des Koffers, was hat es mit den rituellen Waschungen der Mikwaot auf sich, und warum der Titel «Die Leinwand»? Das ergäbe dann aber mindestens einen neuen Blog-Eintrag…
Dominik Erni

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