Dienstag, 22. Februar 2011

"die Zeitwaage" Lutz Seiler, Drenusha

Blog-Eintrag zu Lutz Seiler's "Die Zeitwaage"

Turkshib

Niemandes Name wird erwähnt. Ich weiss nicht, ob dies negativ oder positiv einzustufen ist. Ich weiss nur, dass es anders ist.

Der Autor (ich erwähne seinen Namen absichtlich nicht) hat die Fähigkeit, obwohl tiefste Einblicke in dessen Innerstes gewährt werden (oder genau deswegen?), den Protagonisten unglaublich paradox und komplex erscheinen zu lassen.
Ein kleines Beispiel zur Veranschaulichung meines Empfindens: Man kann diese Liebe, fast schon krankhafte Abhängigkeit des Protagonisten zu jenem Messinstrument kaum nachvollziehen. Dass es radioaktive Strahlung misst, okay. Bestimmt könnte man da Sorge um die eigene Gesundheit oder Ähnliches interpretieren, aber dass er "gebannt von einem ausserordentlich tröstlichen Bild" war, "welches das wispernde Kästchen ihm in seiner wundersamen Melodie entgegenhob", das kann man einfach nicht verstehen, geschweige denn nachvollziehen. So was erschwert und lähmt die Lust, sich mit dem Denken und Handeln des Ich-Erzählers auseinandersetzen zu wollen.
Der Autor schafft es, dass der Leser zwar das Gefühl bekommt, als sei er im Bilde über das Geschehen, aber er ist absolut kein Teil davon. (Und er wird es auch nie sein, denn solche Geschichten brauchen keine Leser um zu existieren.)
Zwar weiss der Leser um die Bedeutung des Geigerzählers und kann somit seinen Stellenwert in der Geschichte ungefähr einordnen, aber er kann es nicht verstehen. Er sieht zwar, wie sehr der Protagonist daran hängt und ihn beeinflusst (er schleppt es überall mit sich hin, ist beruhigt, wenn er das rote Licht blinken sieht et cetera) aber leider ist er nicht im Stande, es nachzuempfinden. Und genau das wäre doch der Funken, der dem Text Leben einhauchen würde, genau ab dem Moment begänne doch der Film im Kopf des Lesenden zu laufen! Aber nein, nein. Nicht bei diesem Autor, der weiss nämlich ganz genau, dass dieser Film läuft, mit oder ohne Zuschauer.
Es ist, als ob der Autor den Leser zwar alle Buchstaben des Alphabetes lehrt, aber ihm nicht zeigt, wie man sie so zusammensetzen kann, dass sie einen Sinn ergeben.

Der Autor schafft es, dass Turksib einfach keine "feste Nahrung" ist, welche man  hinunterschlucken und richtig verdauen könnte, stattdessen kommt sich der Leser vor, als hätte er Löcher in den Backen und der Text ist das Wasser, welches nach kurzem Einnehmen schon wieder draussen ist. Einige wenige Tröpfchen gelängen vielleicht in den Magen, aber durstig wäre man immer noch.

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